GERHARD BESIER:
Zur Zerstörung europäischer Städte im Zweiten Weltkrieg

 
Szanowni Państwo, Drodzy przyjaciele,
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
 
Die „Heimatfront“: Leben im Krieg unter Friedensbedingungen
Das Alltagsleben vieler Deutscher an der „Heimatfront“ war während des Zweiten Weltkrieges lange Zeit weniger beeinträchtigt als während des Ersten Weltkrieges 1914/18. Die vor ihrer Ermordung ausgeraubten Juden Europas, die Zwangsarbeiter und die besetzten europäischen Gebiete, die man rücksichtslos ausplünderte, ermöglichten den Deutschen während des Zweiten Weltkrieges einen vergleichsweise hohen Lebensstandard. Der Krieg war für viele Deutsche lange Zeit also weit weniger „total“ als es die NS-Propaganda glauben machen wollte. Oder – anders herum: Die Deutschen meinten lange Zeit, sich in einem „totalen Krieg“ zu befinden, obwohl die meisten Zivilisten in Deutschland gar nicht betroffen waren. Vielmehr trugen die Deutschen mit ihrem „Luftkrieg“ den „totalen“ Krieg zuerst in andere Länder, indem sie ohne Rücksicht auf Nichtkombattanten europäische Städte bombardierten. Auf diese Weise mussten Tausende und Abertausende nichtdeutsche Zivilisten von Kriegsbeginn an die extreme Gewalt erfahren, die ein Luftkrieg entfesselt. Man machte Zivilisten zu Zielen militärischer Gewalt.
 
Luftkrieg als totaler Krieg der „Volksgemeinschaft“
Das Makabre an dieser nicht wegzudiskutierenden Reihenfolge der furchtbaren Geschehnisse ist die Tatsache, dass führende NS-Ideologen schon vor dem Krieg den Luftkrieg ideologisch verherrlichten. Alfred Rosenberg schwärmte schon 1936, ein moderner Bombenkrieg zwinge das ganze Volk wieder zum Daseinskampf. „Ziel der Gas- und Brisanzbomben“, schrieb er, werden immer die Großstädte sein. […] Das Schicksal zwingt uns heute wie in früheren Zeiten, dass das ganze Volk teilnehmen muss am Kampf ums Dasein. […] [D]ie Technik [hat] das uralte organische Verhältnis zwischen Volk und Krieg wiederhergestellt.“ Die Härte des Luftkrieges, jene Entgrenzung von Krieg, die ein ganzes Volk zusammenschweißen und jedermann einbeziehen sollte, begann außerhalb Deutschlands und entfachte tatsächlich – wie etwa in Großbritannien – den Widerstandswillen eines ganzen Volkes. Um eine solche Haltung auch in Deutschland Wirklichkeit werden zu lassen, nutzte Joseph Goebbels die verheerenden Bombenangriffe auf Köln Ende Mai 1942 zu propagandistischen Überhöhungen. Die „Heroisierung dieses gigantischen Kampfes“ sollte möglichst plastisch werden. Allerdings thematisierte Goebbels von September 1943 an auch die Gefahren, die sich aus einer Radikalisierung des Bombenkrieges für den Zusammenhalt und die Mobilisierungskraft der „Volksgemeinschaft“ ergaben.
Im verwöhnten Deutschland stießen die 1942 „Ausgebombten“ aus dem Nordwesten im Osten und Süden Deutschlands, wohin man sie meist evakuierte, auf wenig Solidarität. Sie brachten gewissermaßen den Schrecken des Krieges mit, beeinträchtigten die eisern aufrecht erhaltene Siegerlaune und sorgten für erste Einschnitte in ihr bis dahin weithin sorgloses Leben. Die Ideologie des Nationalsozialismus, die das Recht des Stärkeren verherrlichte und die Schwachen dem Untergang preisgab, war in der deutschen Bevölkerung durchaus auf fruchtbaren Boden gefallen. Man hatte sich an die Ausgrenzung und Eliminierung von Minderheiten gewöhnt. Warum sollte man jetzt auf die Betroffenen – zunächst ja ebenfalls eine sehr begrenzte Zahl – Rücksicht nehmen? Umso mehr leuchtet es ein, dass die Mehrheit der Deutschen kaum Mitleid empfand, wenn es die „Anderen“ betraf – Gegner, Feinde, Minderwertige und Schwache, auch unter den deutschen „Volksgenossen“. Für die „eigenen“ Leute, so schien es, war ohnedies gesorgt. Unter dem Eindruck der militärischen Siege hatte das Regime am 30. November 1940 ein Kriegsschädenrecht (KSR) verabschiedet, „das ganz den Geist euphorischer Siegesgewissheit atmete“. Darin sicherte man die potentiell Betroffenen materiell derart ab, dass ein Gefühl von Sicherheit gegenüber möglichen Kriegsfolgen entstehen musste. Seit Mitte 1943 belastete der Luftkrieg die Ressourcen des Reiches allerdings so stark, dass man mit einer Politik der Vertröstung auf die Zeit nach dem Endsieg begann.
 
„Coventrieren“ – Coventry als Symbol der völligen Zerstörung im Luftkrieg
 Die Bombardierung ausländischer Städte trug aus deutscher Perspektive das Signum eines Kulturbruchs. Besonders der Angriff auf Coventry in der Nacht vom 14. zum 15. November 1940 galt den Nationalsozialisten als Fanal, denn dieser sollte den Beginn einer neuen Ära des totalen Krieges markieren. Der zivilisatorische Einschnitt wurde mit einigem Recht als so gewaltig angesehen, dass der Berliner Propagandaapparat einen neuen Begriff kreierte: „Coventrieren“. In der Vorstellung der Nationalsozialisten sollte die Zerstörung der industriellen Provinzstadt am Rande Birminghams der Einstieg in die „Coventrierung“ jener Städte Europas werden, die sich dem deutschen Herrschaftsanspruch widersetzten. Der Begriff „Coventration“ oder „to coventrate“ ging nicht nur in den englischen Sprachschatz ein, sondern auch in den ganz Europas. In der Nachkriegszeit wurde „Coventration“ zu einem linguistischen Erinnerungsort. Wohlbemerkt: Andere Städte waren viel massiveren Angriffen ausgesetzt als Coventry. Aber darauf kam es nicht an. Mit der Zerstörung von Coventry verband sich symbolisch der erste von den Nationalsozialisten im Zusammenhang mit dem Luftkrieg begangene Zivilisationsbruch – kein Versehen, kein Kollateralschaden, sondern die gewollte Vernichtung von Zivilisten, meist Frauen, Kindern und alten Leuten. Dieser Vorgang war auf deutscher Seite begleitet von einer Propagandawelle aus Hass, Vergeltung und Zerstörungswillen. Beim Bau der neuen Kathedrale in Coventry, Mitte der 50er Jahre, spielte der europäische Aspekt eine zentrale Rolle, indem das Bauwerk als globaler Erinnerungsort für die Schrecken des Krieges geplant wurde. Es sollte zu einer Pilgerstätte für ganz Europa werden. Man wollte die Erinnerung an den Krieg nicht tabuisieren, sondern europäisieren. Aus den alten Nägeln der zerstörten Kirche schuf man ein Nagelkreuz, das im Altarraum aufgestellt wurde. Kopien des Nagelkreuzes brachte der Provost von Coventry als Gastgeschenk an zahlreiche europäische Orte, die ebenfalls zerstört worden waren. Daraus entstand ein weltweites Netzwerk der Nagelkreuz-Bewegung, zu dem auch Warschau und Dresden gehörten. Diese Bewegung verband sich mit symbolischen Versöhnungsaktionen, die während des Kalten Krieges über den „Eisernen Vorhang“ hinweg konkrete Gestalt annahmen – in Dresden etwa durch den Wiederaufbau eines Diakonissenkrankenhauses, der Anlage eines Rosengartens oder der Gründung einer „Coventry-Dresden Friendship Society“. Dabei konnte es nicht ausbleiben, dass solche Aktionen in den 50er und 60er Jahren – gegen die ursprünglichen Absichten ihrer Betreiber – auch zu Propagandazwecken zugunsten des real existierenden Sozialismus‘ missbraucht wurden. 
 
Symbole und Fakten
Symbolsysteme, die darauf zielen, starke, umfassende und dauerhafte Stimmungen und Motivationen auf Seiten der Menschen hervorzurufen, sind keine historischen Analysen. Sie kleiden Vorstellungen in eine Aura von Faktizität und suggerieren damit, dass die hervorgerufenen Stimmungen und Motivationen der Wirklichkeit zu entsprechen scheinen. Es mindert die Bedeutung des symbolischen Ortes Coventry nicht, wenn wir konstatieren, dass die Leidensgeschichte Warschaus früher begann und sie in mehreren Etappen bis zum Ende des Krieges ständige Steigerungen erfuhr. Man muss in diesem Zusammenhang allerdings eine für die Deutschen ebenso beschämende wie bestürzende These formulieren: Die Bombardierung von Coventry, Southampton, Bristol, London, Bath, York, Canterbury und anderer Städte im Westen besaß einen ganz anderen Stellenwert als das gleiche Handeln im Osten. Der Krieg gegen die westlichen Staaten wurde für gewöhnlich „humaner“ geführt als der gegen die östlichen.
 
Warschau als eine Metropole der „Untermenschen“
In Ostmitteleuropa fiel der Zivilisationsbruch umso leichter, als man – ohne Kenntnis etwa der reichen polnischen Kultur und Wissenschaft – das polnische Volk insgesamt als rassisch minderwertig bezeichnete, man hatte es, der NS-Ideologie zufolge, mit primitiven „Untermenschen“ zu tun, die man sich einfach zu unterjochen gedachte. Wer sich dem widersetzte, so das propagandistische Feindbild, konnte ohne großes Federlesen liquidiert werden. Man schuf damit im Bewusstsein der Deutschen einen weithin rechtsfreien Raum, den es zu kolonisieren galt. Das machte den Unterschied gegenüber Staaten wie Großbritannien aus.
Der Katalog zur Ausstellung „Im Objektiv des Feindes“ enthält einen Aufsatz, der die etappenweise Vernichtung Warschaus beschreibt. Danach wurden in den deutschen Bombenangriffen vom September 1939 bereits 13,5 Prozent der Warschauer Wohnsubstanz und 14,3 Prozent der Gebäude zerstört. „Besonders in Mitleidenschaft gezogen war die Innenstadt, wo manche Gebiete bis zu 44 Prozent zerstört wurden. Weitere Zerstörungen […] richteten sowjetische Luftangriffe in den Jahren 1941-1943 an.“ Darauf folgte 1943 – nicht durch Flugzeuge, sondern vom Boden aus – das Niederreißen des Ghettos, eine Maßnahme, durch die weitere 12 Prozent der städtischen Bausubstanz vernichtet wurden. Im Zusammenhang mit dem Warschauer Aufstand im Sommer 1944 und den systematischen Zerstörungen danach im Herbst 1944 legte man weite Teile der Stadt in Schutt und Asche. Die britisch-amerikanischen Luftangriffe zur Unterstützung der Aufständischen kosteten ebenfalls Bausubstanz. Die Bilanz des Krieges war für Warschau schrecklich: 76,4 Prozent aller Gebäude wurden zerstört, in den Stadtteilen links der Weichsel sogar bis zu 85 Prozent.
Zeitgenössischen Darstellungen zufolge bombardierte die deutsche Luftwaffe nicht nur kriegswichtige Gebäude und Anlagen, sondern bevorzugt auch identitätsstiftende Baudenkmäler wie das Königsschloss, Sitz des Präsidenten und Symbol der polnischen Staatlichkeit. Die Zerstörungsabsichten zielten besonders auf das klassizistische Warschau, auf Objekte polnischer Kultur. Stadtgebilde deutscher Herkunft wurden dagegen verschont bzw. nach der Eroberung der Stadt wiederhergestellt. Ein skandalöser Zivilisationsbruch stellte das Bombardement auf Warschauer Krankenhäuser durch Piloten der Luftwaffe dar, obwohl die Gebäude weithin sichtbar mit dem Roten Kreuz gekennzeichnet waren. Gezielt ließ man nach der Eroberung Warschaus die Ruinen völlig zerstörter Häuser stehen – in der polnischen Wahrnehmung, um die Bevölkerung ständig an ihre Niederlage von 1939 zu erinnern. Im Bewusstsein der Polen ging es vor allem darum, ihre nationale Identität zu zerstören. Deutsche Kommentare legen eine solche Absicht nahe. Anfang November 1939 schrieb Goebbels voller Genugtuung in sein Tagebuch: „Unsere Bomben und Granaten haben ganze Arbeit geleistet. Kein Haus ist unversehrt. […] Wie Insekten schleichen die Menschen durch die Straßen. Es ist widerlich und kaum zu beschreiben.“
 
„Veropferung“ der Täter
Das Bild wäre unvollständig, wenn wir nicht ein Phänomen thematisierten, das insbesondere bei unseren östlichen Nachbarn große Besorgnis hervorruft: Die „Veropferung“ der Täter und die „Vertäterung“ der Opfer in Teilen der Geschichtsschreibung seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts. Diese neue, in ihrem Kern nationalchauvinistische Geschichtsschreibung nutzt paradoxerweise den „turn“ von der einzwängenden Nationalgeschichte zu dem durchaus weiterführenden Ansatz einer transnationalen Geschichtsschreibung zu einer homogenisierenden und egalisierenden Darstellung der Weltkriegsgeschichte im europäischen Rahmen. Auf einmal erscheinen die europäischen Völker unterschiedslos als Täter und Opfer gleichermaßen. Die Frage der Verursachung der Katastrophe verschwindet förmlich in dem Meer von Tränen, das Täter wie Opfer über das Leid vergießen, das beiden Seiten widerfuhr.
Im Zusammenhang mit dem Luftkrieg hat das Buch von Jörg Friedrich mit dem Titel „Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945“ von dieser Perspektivveränderung profitiert. Der Bestseller thematisiert in anrührender Sprache das Leid der deutschen Bevölkerung infolge der alliierten Bombardements, ohne die Genese dieser Katastrophe angemessen zu berücksichtigen. In der Kurzdarstellung heißt es: „Das fünf Jahre währende Bombardement von über tausend deutschen Städten und Gemeinden im Zweiten Weltkrieg ist ohne Vergleich in der Geschichte. Neben Flucht und Vertreibung aus den Ostgebieten war es die größte Katastrophe auf deutschem Boden seit dem Dreißigjährigen Krieg.“ Weitere Arbeiten, die den angeblich völkerrechtswidrigen „Bombenterror“ auf deutsche Städte beredt beklagten, folgten.
Kritisiert man eine solche Konzentration allein auf das deutsche Leid, erhält man mit treugläubigem Augenaufschlag zur Antwort, man werde doch wohl nach über 60 Jahren endlich einmal auch der unschuldigen Opfer der eigenen Nation gedenken können. Der deutsche „Kult mit der Schuld“ habe lange genug gewährt. Dies ist der Boden, auf dem rechtsradikales Gedankengut prächtig gedeihen kann. Das längst überwunden geglaubte nationale Paradigma kehrt über die europäische Geschichtsschleife zurück und damit die engen Perspektiven und Vorurteile, mit denen man die Nachbarn, vor allem die im Osten, belegt.
 
Der larmoyante Dresden-Mythos
Dresden konnte zum Kumulationspunkt dieses neudeutsch-nationalistischen Trauerkultes werden, weil seit Frühjahr 1945 ununterbrochen das Feindbild der westalliierten Bomberflotten mit ihrer verbrecherischen Zerstörungsabsicht gepflegt wurde. Hinzu trat die merkwürdig larmoyante Stilisierung vom „unschuldigen“ Dresden – ein Mythos, dem bis heute nicht entschlossen genug entgegengetreten wird, weil man befürchtet, damit eine vermutete Mehrheit in der Bevölkerung zu verprellen. Die Tatsache, dass Dresden eine ganz gewöhnliche Nazi-Hochburg war, die am Ende des Krieges das gleiche Schicksal erlitt wie zuvor viele andere deutsche Städte – Köln, Hamburg, Kassel oder Berlin etwa, die nicht so viel Wesens von sich machen –, scheint das in Sachsen stark ausgeprägte Bedürfnis nach „Singularität“ zu verletzen. Schließlich verstärkte der originalgetreue Wiederaufbau der Frauenkirche – gegen manche Bedenken auch aus den Reihen von Kirchenmännern und Theologen, die an dem Mahnmal der Ruine festhalten wollten –, diese Dresdner Stimmung des aus unverschuldetem Leid geborenen, demütig demonstrierten Triumphalismus. Demgegenüber gilt es festzuhalten, auch gegen alle Interessen der Tourismusindustrie: Dresden ist im historischen Vergleich nichts Besonderes. Soviel zum Komplex der „Veropferung“ der Täter.
 
„Vertäterung“ der Opfer
Es gibt freilich auch das Umgekehrte – eine „Vertäterung“ der Opfer. So rückt Polen, selbst ein Opfer der nationalsozialistischen Aggression, in israelischer Perspektive zunehmend an die Seite Deutschlands. Antisemitismus und Kollaboration mit den Deutschen – bei Ausblendung des polnischen Aufstandes vom Herbst 1944 – bilden den Ausgangspunkt für diese Sichtweise, die überdies den Vorteil einer exklusiven Besetzung der Opferrolle durch das europäische Judentum besitzt. Als das deutsche Magazin Der Spiegel 2009 über die ukrainischen, weißrussischen, baltischen, ungarischen, rumänischen, polnischen, aber auch italienischen, französischen und norwegischen Hilfswilligen (Trawniki) der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft über Europa berichtete, löste der gut recherchierte Artikel in Ostmitteleuropa – ganz besonders aber in Polen – erbitterte Protestreaktionen aus, weil man eine Egalisierung des Täterkomplexes auf ganz Europa befürchtete – nämlich eine Bestätigung dafür, dass es sich bei der so genannten „Endlösung der Judenfrage“ nicht um ein spezifisch deutsches, sondern um ein „europäisches Projekt“ gehandelt habe. „Das Denunziantentum kam in Polen so häufig vor, dass sich für bezahlte Tippgeber ein besonderer Begriff einbürgerte: ‚Szmalcowniki‘ […]“, heißt es etwa in dem Spiegel-Artikel. In Polen fürchte man, so der ehemalige polnische Außenminister Adam Daniel Rotfeld, „dass in Kürze im deutschen Bewusstsein nur noch zwei Opfergruppen übrig“ blieben: „die Juden und die Deutschen“.
 
Kommunismus und Nationalsozialismus
Eine andere Spielart von Umdeutungen besteht darin, die Verbrechen der europäischen Diktaturen nach Ursachen und Wirkungen oder nach Schweregrad neu zu gewichten. Nach Ernst Noltes Europäischem Bürgerkrieg und Stéphane Courtois‘ Schwarzbuch des Kommunismus  hat neuerdings auch der vor allem durch Werke zur polnischen Geschichte bekannt gewordene britische Historiker Norman Davies diesen Weg beschritten, indem er in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg eine Art Rating-Skala entwirft: Der Bombenkrieg der Westalliierten war schlimm, der durch die Deutschen verübte Holocaust war schlimmer, aber am schlimmsten waren die Stalinisten. „[…] der absolute Spitzenreiter“, so oder ähnlich lautet seine immer wieder formulierte Summe, „war auch in dieser Beziehung die Sowjetunion.“ In Wort und Bild suggeriert er seine Perspektive, wonach Workuta das wahrscheinlich größte Konzentrationslager der Weltgeschichte, die Versenkung der Wilhelm Gustloff die opferreichste Schiffskatastrophe und Katyn eines der schrecklichsten Massaker an Kriegsgefangenen war. Vor dem Hintergrund solcher Ergebnisse erscheint es nicht mehr ganz zufällig, dass Davies zur polnischen Geschichte geforscht hat und seine Arbeiten in Polen stets auf große Zustimmung stießen. In seinem Buch über den Zweiten Weltkrieg überträgt er die Deutungskategorien der in Polen vorherrschenden patriotischen Geschichtspolitik auf ganz Europa und bestätigt das Urteil der polnischen Geschichtsschreibung, wonach der große östliche Nachbar Polens noch weit mehr zu fürchten ist als der westliche. Eine Folge dieser Hierarchisierung der europäischen Diktaturen besteht darin, dass Davies unter den deutschen Historikern des Zweiten Weltkrieges nur Ernst Nolte gelten lässt und gegen die bundesdeutsche „Selbstgeißelung“ polemisiert. Indem er Jürgen Habermas anprangert, regt er implizit eine Revision des „Historikerstreits“ der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts an. Latente antisemitische Vorurteile könnte man darin erkennen, dass er über den Holocaust-Überlebenden Marcel Reich-Ranicki nur zu berichten weiß, dieser habe für den stalinistischen Geheimdienst gearbeitet und dass die (jüdischen) Opfer für die an ihnen begangenen Verbrechen mitverantwortlich gemacht werden. So weist Davies mit merkwürdigem Nachdruck auf die jüdischen Kollaborateure am Holocaust hin und begründet das Massensterben im belagerten Leningrad vor allem mit dem zähen sowjetischen Widerstand. Genau so, nämlich mit dem anhaltenden Widerstand polnischer Truppen gegen die Invasoren, könnte eine revanchistische deutsche Geschichtsschreibung auch die Bombardierung Warschaus begründen.