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Juliane Nagel zum Vorstoß „Kopftuchverbot für Kinder“: Stattdessen Grundsatzdebatte über Kinderrechte und Religion

 

In verschiedenen  Bundesländern wird derzeit über ein Kopftuchverbot für Kinder diskutiert. Angestoßen wurde diese Debatte durch die Integrationsstaatssekretärin in Nordrhein-Westfalen Serap Güler (CDU). Die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) verwies in der Debatte auf die Religionsfreiheit und plädierte gegen ein Kopftuchverbot für junge Mädchen.

Dazu erklärt Juliane Nagel, migrationspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE im Sächsischen Landtag:

Ich unterstütze die Position von Petra Köpping im konkreten Praktischen. Allerdings springt diese im Grundsatz zu kurz. Denn im Kern der Debatte geht es nicht um den Islam, sondern um die Fragen, welche Grenzen die Kinderrechte der Religionsausübung setzen.

Meiner Meinung nach gilt: Kein Kind darf dazu gezwungen werden, einer Religion zu folgen, ohne dies selbst entschieden zu haben. Wenn Serap Güler argumentiert, es falle Mädchen schwer, das Kopftuch später wieder abzulegen, dann frage ich mich: Wie sieht es mit der Taufe von Kindern aus, die nach weit verbreitetem christlichen Verständnis ein „unauslöschliches Merkmal“ schaffen soll? Was ist mit Erstkommunion und allen Ritualen verschiedener Religionen, die an rechtlich religiös Unmündigen – also vor dem 14. Geburtstag – vollzogen werden? Nicht zuletzt mit der religiös motivierten Beschneidung von Kleinkindern, die bekanntlich später nicht mehr revidiert werden kann.

Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass das Grundgesetz all diese Fragen in den Bereich der geschützten Privatsphäre verweist. Ich halte eine Grundsatzdebatte darüber für sinnvoll, ob dies für alle Zeiten so gelten soll. Dabei ist Sensibilität gegenüber den Überzeugungen von Menschen gefragt, aber mehr Sensibilität als bisher gegenüber den Kindern, die zu oft nur als Objekt behandelt werden. Ich halte die Privilegien der Religionsgemeinschaften für überholt und sehe mich da im Einvernehmen mit vielen religiös gläubigen Menschen, die für diese Diskussion durchaus offen sind. Denn die gesellschaftliche Praxis ist unter muslimisch geprägten Menschen ebenso höchst differenziert wie unter christlich, jüdisch oder anderweitig Bekennenden.  

Ansonsten entsteht eine bizarre Schieflage, die nur Feindbilder produziert, aber Kindern nicht hilft.  Und neue Irrationalitäten, weil ein einzelnes Symbol für „gefährlich“ erklärt wird, während alle anderen Eingriffe an Kindern als „harmlos“ oder gar „moralisch förderlich“ deklariert werden.