Diese Website verwendet Cookies. Warum wir Cookies einsetzen und wie Sie diese deaktivieren können, erfahren Sie unter Datenschutz.
Zum Hauptinhalt springen

„Moderne Umweltpolitik mit innovativen Lösungen für Sachsen“

Rede von MdL Dr. Jana Pinka in Erwiderung auf die Fachregierungserklärung des Staatsministers für Umwelt und Landwirtschaft Thomas Schmidt (CDU)

091. Sitzung des 6. Sächsischen Landtages, 11.04.2019

Es gilt das gesprochene Wort!

 

Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen!

sehr geehrter Herr Minister Schmidt!

Wenn Sie eine Fachregierungserklärung zum Thema „Moderne Umweltpolitik mit innovativen Lösungen für Sachsen" halten, dürfen wir erwarten, dass Sie darstellen, was im Umweltsektor geschehen muss, damit die wichtigsten Umweltprobleme umfassend geklärt werden.

Tatsächlich sprechen Sie  über Roboterlandwirtschaft. Sie setzen darauf, dass die digitalen „innovativen Lösungen“ und künstliche Intelligenz alle oder zumindest einen Großteil unserer Probleme lösen. Mit 5G sollen Robotertechnologien, neue landwirtschaftliche Maschinensysteme und automatische Prozessführungen ermöglicht werden und Ressourcenschutz, Tierwohl und Wertschöpfung sollen am Ende durch mehr Digitalisierung entstehen.[1]

Doch zunächst eine Antwort auf das DDR-Bashing ganz zu Anfang. Sie hatten da etwas von „Schaumkronen“ gesagt – das stimmt, ich will da nichts beschönigen. Aber dennoch ist heute nicht alles besser – leider. Und ich sage das ganz ohne Häme.

Zuerst ein paar Zahlen zur Entwicklung der Nitratgehalte im Grundwasser, um das Thema DDR-Altlasten glattzuziehen: Aus dem Nitratbericht des Bundesumwelt- und des Bundeslandwirtschaftsministeriums vom Januar 2017 geht hervor, dass in Sachsen im Vergleich der Zeiträume 2008-2011 und 2012-2014 bei 60% der EU-Messstellen der ohnehin schon hohe Nitratgehalt von über 50 mg/l noch zunahm.

Der erste Zeitraum 2008 bis 2011 liegt lange nach dem Ende der DDR, die zu DDR-Zeiten möglicherweise eingetragenen Stoffe waren schon lange mit dem Grundwasser wegtransportiert, als die massive Erhöhung festgestellt wurde. Es bleibt dabei: die heute festzustellende Verunreinigung des Grundwassers geht allein auf die Kappe der CDU, die das Landwirtschaftsministerium seit 1990 führt. Das Ministerium hat sich hier erst bewegt, als die EU mit massiven Strafzahlungen gedroht hat.

Zum Thema Trinkwasser ebenfalls eingangs folgende Feststellung: Gab es 1992 noch mehr als 2.000 öffentliche Trinkwasserversorgungsanlagen, die 94 % der sächsischen Bevölkerung versorgten, so erfolgt heute die Versorgung von rund 99 % der Bevölkerung des Freistaates durch ca. 450 zentrale Wasserversorgungsanlagen. In Bezug auf Resilienz[2] und Fehlerfreundlichkeit ist dies an sich kein Erfolg.

Schutzgebiete ohne aktive Wassergewinnung für die Trinkwasserversorgung, schwer schützbare Wasserdargebote oder Wasserdargebote mit schlechter Rohwasserbeschaffenheit wurden auf ihre Aufhebung hin untersucht – und häufig wurden die Trinkwasserschutzgebiete aufgehoben, anstatt sie besser zu schützen. Im Vergleich des Jahres 2011 zu 1992 haben Sie von der CDU die Fläche der Trinkwasserschutzgebiete in Sachsen etwa halbiert.

Stoffliche Wasserprobleme werden also mit anderen Worten aktuell nicht dadurch gelöst werden, dass die Stickstoffeinträge in das Grundwasser angegangen werden, sondern dass die Wasserversorger „sauberes“ Wasser, ggf. aus ortsfernen Quellen zukaufen.

Das ist so nicht vorgesehen, da das Wasserhaushaltsgesetz eindeutig kleinräumige Versorgungslösungen bevorzugt und als Regel ansieht.[3] Die ortsnah verfügbaren Wasserressourcen sollen ausdrücklich durch das Wasserrecht geschützt werden und das Gebot der ortsnahen Wasserversorgung ist insofern ein Beitrag zum flächendeckenden Grundwasserschutz.[4]

Wenn die angesprochenen zentralen Lösungen aufgrund von Trockenheit, Mikroschadstoffen oder anderen Ereignissen nicht mehr betrieben werden können, oder wenn Wasser für die Vermischung zugekauft werden muss, steigen am Ende die Wasserpreise UND die ortsnahen Trinkwasservorkommen sind nicht oder nur noch eingeschränkt nutzbar. Deswegen ist flächendeckender Trinkwasserschutz wichtig.

Online[5] kann man zahlreiche Wasserschutzgebiete innerhalb der sogenannten „Nitratgebiete“ finden – es ist Ihre Aufgabe, Herr Minister, hier rasch umzusteuern und nicht Beprobungen anzuordnen, sondern eine komplett andere Bewirtschaftung. Ich komme später noch darauf zu sprechen.

Auch einigen Arten, wie dem Birkhuhn ging es zu DDR-Zeiten – wie auch vielen anderen Arten von Rebhuhn bis zu diversen Insekten – besser. Das liegt auch daran, dass damals - trotz der Großstrukturen - immer noch mehr Landschaftselemente als heute und auf jeden Fall eine wesentlich höhere Vielfalt auch an Nutzpflanzen auf dem Acker vorhanden waren. Was das Birkhuhn angeht und das betrifft im Übrigen weite Teile des Sachsenforsts ist forcierte Holzwirtschaft genauso wenig immer gut, wie Unterhaltungsmaßnahmen in den sächsischen Wäldern durch die preisgünstigsten Anbieter durchführen zu lassen.

Mit unserem Antrag „Birkhuhn-Artenhilfsprogramm im Erzgebirge umsetzen“[6] haben wir einen Stein ins Rollen gebracht, der nun hoffentlich dazu führt, dass wenigstens die Birkhuhnpopulation im Erzgebirge überleben wird, und nicht wie die Flachlandpopulation in der Lausitz von Ihnen Herr Minister „vergessen“ wird, bis sie schließlich erloschen ist. Die aktuellen Signale aus der jüngsten Beratung deuten leider nicht vollständig in die richtige Richtung.

Auch beim Waldzustand lassen sich verschiedene Ereignisse beim besten Willen nicht mehr mit der DDR begründen, sondern sind einwandfrei „neue“ Schäden:

Durch das zurückliegende Extremjahr wurde für uns deutlich, wie Klimawandel sich anfühlt. Die zu erwartenden Tendenzen für die Zukunft sind u. a. im Waldzustandsbericht nachzulesen: Stürme und extreme Witterungsereignisse nehmen zu, die Durchschnittstemperaturen steigen, die jahreszeitliche Verteilung der Niederschläge verändert sich – in der Vegetationsperiode regnet es weniger, die Niederschläge werden intensiver.

Schäden mit mehr als 200.000 m³ Schadholz sind mittlerweile ein „Normalfall“ geworden, heißt es ebenfalls im aktuellen Waldzustandsbericht. Die Sturmereignisse der Jahre 2007 und 2018 warfen jeweils rund 2 Mio. m³ Schadholz zu Boden. Zum Vergleich: der immissionsbedingte Schadholzanfall in den Jahren 1968 bis 1988 bewegte sich maximal bei einer damals unglaublichen Menge von einer halben Mio. m³ - im Durchschnitt waren es rund 160.000 m³ pro Jahr.

Die zurückliegenden vier Trockenjahre in einem Jahrzehnt schädigen nicht nur die besonders anfälligen Forstkulturen, sondern auch ältere Bäume in immer stärkerem Umfang. Im Waldzustandsbericht heißt es dazu: „Erstmalig werden damit außergewöhnliche Witterungseinflüsse, deren Auswirkungen bisher lediglich bei einzelnen Baumarten und/ oder Regionen beobachtet werden konnten, auch über die gesamte Stichprobe hinweg landesweit sichtbar.“

Herr von Breitenbuch nutzte seinen Wortbeitrag zum Waldzustandsbericht 2009 am 28. April 2010 zu einer Anklage bezogen auf die Zeit vor 1989; ich zitiere: „Sozialistischer Raubbau an Schöpfung und Menschheit“ hätten zu einem „desolaten Zustand der Wälder geführt“, „die Wälder kranken bis heute an dieser Zeit“.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen von der CDU, lassen Sie uns gemeinsam die Klimaschutzanstrengungen deutlich intensivieren, damit es nicht in zehn Jahren heißen muss:  „Kapitalistischer Raubbau an Schöpfung und Menschheit haben zu einem desolaten Zustand der Umwelt geführt, die künftigen Generationen die Voraussetzungen zum Leben erheblicher verschlechtert, als alle zuvor gekannten Entwicklungen. Die Menschen haben es in der Zeit, in der mit einfachen Mitteln etwas zu ändern war nicht vermocht, eine nachhaltige Entwicklung in allen Lebensbereichen einzuläuten, sondern haben sehenden Auges zu lange abgewartet.“

Wir sehen: Umweltschutz bleibt Handarbeit und ist bestenfalls durch Computertechnologie zu unterstützen – siehe Datenbanken und Online-tools – aber nicht zu ersetzen.

Minister Schmidt hat in seiner Rede wiederholt von Chancen und Möglichkeiten der Digitalisierung gesprochen. Darauf möchte ich gern eingehen.

Ich möchte kurz darstellen, warum ich das für einen Irrweg halte und was stattdessen geschehen muss. Im Grunde ist die Frage gestellt, ob diese Techniken und Verfahrensweisen:

  • mehr Ressourcen benötigen, als nachwachsen,
  • ob sie möglichst frei allen Menschen zu Verfügung stehen oder Wissenshierarchien fördern,
  • ob sie leicht reparierbar sind, Zeit sparen oder ggf. auf anderen Ebenen mehr Zeit und Aufwand verursachen,
  • ob sie lokal vorhandene Rohstoffe nutzen und sich einfach recyceln lassen,
  • ob sie insgesamt effektiv das Leben erleichtern, anstatt es komplizierter zu machen.

Man könnte es auch ganz anders formulieren: könnten alle Menschen auf der ganzen Welt diese Technologie haben und nutzen – und wenn ja, wie würde diese Welt dann aussehen und wäre sie dann besser?

Viele dieser Fragen lassen sich so beantworten: Ihre Technologien, Herr Minister, lohnen sich doch nur für große Betriebe, die große Flächen zur Verfügung haben.  Die Technologien brauchen Erdöl und Rohstoffe aus anderen Erdteilen in erheblichem Umfang, enorm spezialisiertes Wissen der Menschen, die damit umgehen - oder diese Technologien sogar reparieren müssen. Es gibt also zahlreiche Abhängigkeiten und Hürden.

Freilich kann der Boden geschont werden, wenn der Traktor immer auf derselben Spur fährt und den Reifendruck anpasst und freilich wird gegebenenfalls weniger Gülle auf Böden mit geringerer Grundwassergeschütztheit ausgebracht.

Aber sind das nicht alles Maßnahmen gegen selbst verursachte Probleme? Ist das nicht alles Symptombekämpfung?

Anders formuliert: Für welchen Preis haben wir mit Ihrer Strategie zukünftig bspw. saubereres Grundwasser als jetzt und welche Aufgaben werden dennoch nicht gelöst durch die neue innovative Technologie? Haben wir also nicht eigentlich andere Aufgaben zu lösen, die uns die digitale Welt nicht abnimmt?

Ich beginne mit der Analyse dessen, was die letzten Monate eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit erlangt hat und eine Grundlage jeden landwirtschaftlichen Erfolges – und im Übrigen auch jeder Volkswirtschaft - ist.

Zunächst zur Biodiversität.

Artenvielfalt in der Kulturlandschaft ist das Ergebnis aus einer Verschiedenartigkeit der Standorte, Strukturen, Bewirtschaftungsmethoden und angebauten Pflanzenarten. Je einheitlicher und strukturärmer die Landschaft, desto artenärmer ist sie. Die infolge der mangelnden Strukturvielfalt eingetretenen Schäden betreffen die Nutzungs- und Funktionsfähigkeit des gesamten Naturhaushaltes - und damit uns alle unmittelbar.

Mehrfach haben wir uns hier mit dem Problem der Situation von Flora und Fauna beschäftigt. Ich darf insbesondere an die Diskussionen um das Insektensterben erinnern, und dass aus meiner Sicht weder die Ursachenforschung noch das Monitoring intensiv angegangen werden.

Das Unglaubliche an der nicht zufriedenstellenden Situation im Artenschutz ist eigentlich, dass wir seit Jahren wahrscheinliche Ursachen und Wirkungen kennen, aber das Umweltministerium lieber weiter seinen Lobbyisten in der Land- und Waldwirtschaft folgt - und sei es in eine Sackgasse. Und da die Bestäubung durch Insekten gerade jetzt im Frühling existentiell ist, möchte ich mich darauf und die Probleme in der aktuellen landwirtschaftlichen Praxis beschränken.

Rund 50% der Fläche Sachsens wird landwirtschaftlich genutzt; knapp 30 % ist Wald. Rein faktisch sind die Land- und Waldwirtschaft also als größte Flächennutzerinnen zuerst gefragt, wenn es um Artenschutz, Umwelt- und Ressourcenschutz in der Fläche geht.

Wie sieht es in der Vielfalt in der Landwirtschaft aus, z.B. beim Anbau von Kulturpflanzen? Absolut ist der Anbau von Gemüse im Freiland seit 1990 um die Hälfte zurückgegangen. Heute bedeutet auf 90% der Freiland-Gemüseanbaufläche in Sachsen Gemüseanbau von nur sechs Gemüsearten: Frischerbsen, Pflückbohnen, Blumenkohl, Zwiebeln, Spinat und Spargel. Beim Gemüseanbau unter Folienzelten bestreiten 4 Arten 80% der Artenvielfalt.

2017 wurden rund 3/4 der Ackerfläche in Sachsen mit Getreide, Raps und Mais bestellt. Hinzu kommt, dass die Hektarerträge stetig steigen. Das ist die Folge von immer intensiverem Anbau und Züchtungsfortschritten.

Wir haben also immer mehr von immer weniger – die Landschaft und die Landwirtschaft werden zunehmend monotoner und intensiver genutzt. Kein Wunder, dass die Artenvielfalt, nicht nur bei Insekten, auf der Strecke bleibt.

Und dabei rede ich noch nicht über Pflanzenschutzmittel, das Nährstoffüberangebot, die Einengung der Feldfruchtwahl, die Vergrößerung der Ackerschläge und der damit verbundene Rückgang von Randstrukturen und Blühstreifen.

Und wenn wir da nicht politisch und strukturell gegensteuern, sehr geehrter Herr Minister Schmidt, können Sie sich beim nächsten Chinaausflug mal die dortigen Bestäuberpraktiken anschauen. Das wäre dann auch unsere Perspektive! Wir müssen alles tun, damit uns das nicht ereilt.

Der Beweis, dass Ihre Roboterlandwirtschaft, Herr Minister, hier eine Verbesserung bringt – also ein Mehr an Strukturvielfalt und Artenvielfalt, steht noch aus. Unter diesem Aspekt habe ich mir auch die Vorträge Ihrer Fachkonferenz simul+InnovationHub angeschaut. Immer wieder kann ich herauslesen, dass es mit der angestrebten Innovation um eine verstärkte Industrialisierung der Landwirtschaft geht, die Sie hier als Nachhaltigkeit verkaufen möchten.

Zum nächsten Punkt: dem Oberflächenwasser und Grundwasserschutz.

Oberflächenwasser und Grundwasser wurden lange Jahre auch in Sachsen nicht so geschützt, wie es die EU vorschreibt. Stattdessen wurde die teilweise massive Überdüngung von Böden und Gewässern hingenommen und enorme Stickstoffüberschüsse toleriert. Erst die nun drohenden Strafzahlungen aus Brüssel bringen Bewegung in die Sache.

Was macht Sachsen? Es gibt eine Presseerklärung des Ministers mit der Überschrift „Freistaat intensiviert Wissenstransfer zur Verminderung landwirtschaftlicher Nitratausträge in das Grundwasser“. Da heißt es  u.a.: „Rund 20 Prozent der sächsischen Ackerfläche liegen in sogenannten Nitratgebieten, also Gebieten, in denen im Grundwasser Nitratwerte gemessen werden, die den Schwellenwert von 50 Milligramm je Liter überschreiten.“

Das Kind liegt also sprichwörtlich schon im Brunnen und zahlreiche Trinkwasserfassungen sind in einigen sächsischen Gebieten gefährdet.

Was ist in den Nitratgebieten angeordnet? Nährstoffuntersuchungen, Bodenuntersuchungen, eine Verlängerung der Sperrfrist für die Aufbringung von Festmist.[7]

Wie vorbildliche Landwirtschaft in überdüngten Gebieten aussehen müsste, können Sie im Wassergut Canitz[8] anschauen. Dort wird seit 1994 auf 750 Hektar Fläche bewusst zum Schutz der Trinkwasserressourcen im Einzugsgebiet der Leipziger Wasserwerke in Canitz, Thallwitz, Naunhof gewirtschaftet. Dort wird nicht ein „bisschen weniger“ mit Computerunterstützung ausgebracht, es wird grundlegend anders gewirtschaftet – mit Erfolg und mit weniger Technik- und Ressourceneinsatz.

Es ist möglich, dass die ganzen Untersuchungen nichts bringen, weil beispielsweise die Nitratgehalte in den Bodenschichten, die untersucht werden, nicht so hoch sind und die neuerlichen – nun „erlaubten“ - Stickstoffeinträge die Grundwasserqualität weiter verschlechtern. Bei den wenigen Messstellen kann zudem nicht unterschieden werden, wer richtig und wer falsch gewirtschaftet hat. Am Ende werden noch Biobetriebe mit drakonischen Maßnahmen überzogen, obwohl sie alles richtig gemacht haben.

Zum dritten und letzten Beispiel: dem Tierwohl.

„Sensoren werden den Zustand von Tier, Pflanze, Produkten und Umwelt besser beschreiben“[9] heißt es in einem der simul+-Vorträge.

Da wird also die schöne neue Computerwelt über das Tierwohl wachen – und auch den letzten Liter Milch noch möglichst effizient aus der Kuh herauspressen.

„Im Prüfjahr 2017/2018 konnten unsere milchviehhaltenden Betriebe eine Steigerung der Milchleistung auf 9.794 Kilogramm je Kuh und Jahr erreichen“ heißt es im Jahresbericht des Landeskontrollverbandes.[10] Erschreckend ist dabei, dass die Kühe in Sachsen im jugendlichen Alter von knapp über zwei Jahren zum ersten Mal kalben.

Eigentlich ist es das Ziel, die Altersstruktur der Kuhherden zu erhöhen, weil noch bis zur 9. Laktation im Durchschnitt mehr Milch erzeugt wird, als in der ersten Laktation. Dennoch liegt der Durchschnitt in Sachsen nur bei 2,5 Laktationen – danach sind die Kühe fertig und müssen geschlachtet werden.[11]

Wenn Minister Schmidt hier also das Tierwohl erhöhen möchte, sollte er ausschließlich Tierhaltungsverfahren fördern, die in besonderem Maß das Tierwohl erfüllen, wie wir das schon vor Jahren gefordert haben.

Tatsächlich werden mit simul+ Roboteraugen über den jugendlichen Kühen wachen und dafür sorgen, dass faule Fresser rechtzeitig und effizient aus dem Futter kommen.

Allein mit der Förderung des Labels „Regional“ machen Sie die Landwirtschaft auch kein bisschen besser. Und dass Sie dann auch noch ohne Umschweife den Bogen zur Effizienzsteigerung und Wettbewerbsfähigkeit schlagen, lässt endgültig erkennen, dass der Umweltschutz nur eine Alibifunktion in der Landwirtschaft der CDU ist. Es ist gut und richtig, an die nächste EU-Förderperiode zu denken, aber bitte mit Programmen, die tatsächlich an den Umwelt-, Klima- und Ressourcenschutz anknüpfen und nicht nur ein Feigenblatt für den Geldtransfer darstellen.

Was ist also zu tun, liebe Kolleginnen und Kollegen?

Um weltweite katastrophale Umweltveränderungen zu vermeiden, sollten auch wir Sachsen ökologische Belastungsgrenzen im Blick haben. Ein Forscherteam publizierte 2009 neun für das System Erde essentielle ökologische Dimensionen. Wird eine der planetaren Grenzen überschritten, besteht die Gefahr irreversibler und plötzlicher Umweltveränderungen, die die Bewohnbarkeit der Erde für die Menschheit einschränken.

Die planetaren Grenzen beim

  • Artensterben
  • Stickstoffkreislauf und
  • Klimaschutz

sind bereits seit 2008 überschritten und wir können diese Auswirkungen spüren.

Ich will einen Weg beschreiben, der Mut und nicht Hoffnungslosigkeit erzeugt:

Wie würde eine Welt aussehen, in der

  • die Vielfalt von Tieren und Pflanzen zunimmt, die genetische Vielfalt vermehrt wird.
  • viel weniger Stickstoff und Phosphor freigesetzt werden – also Wasser und Luft weniger verschmutzt, Wälder weniger krank werden.
  • viel weniger Klimagase ausgestoßen werden und Extremwetterereignisse nicht weiter zunehmen.
  • Wertvolle Landflächen und Böden unversiegelt bleiben und so genutzt werden, dass auch kommende Generationen von Landwirten noch gute Erträge dort erzielen können.

Die Landschaft wäre abwechslungsreicher, die Menschen würden nicht mehr so viel Fleisch essen und Tiere ethisch besser behandeln. Das Wasser aus Quellen wäre ohne Bedenken zu trinken, die Wälder wären grün, die Felder im Frühjahr nicht mehr gelb. Im Sommer gäbe es wieder ausreichend Niederschlag und im Winter wieder Schnee für die Kinder auch vor der Haustür. Das Leben wäre langsamer, die menschlichen Kontakte intensiver und wertschätzender. Kurz: die Welt wäre schöner.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

kann das ein Ergebnis von simul+ und der damit verbundenen Digitalisierung samt intensivem Ressourceneinsatz sein?

Erinnern Sie sich an meine Eingangsfrage: „könnten alle Menschen auf der ganzen Welt diese Technologie haben und nutzen – und wenn ja, wie würde diese Welt dann aussehen und wäre sie dann besser?“

Hören Sie in der Union endlich dem kapitalistischen Versprechen hinterherzurennen, wonach einfach neue Produkte am Markt zu platzieren sind, um die Probleme der alten Produkte zu beseitigen. Ihre Roboterfarm ist in erster Linie ein Verkaufsprodukt!

Stattdessen sollten wir uns gemeinsam neue Wege für eine verträgliche Nutzung des Landes gehen. Die Lösungen sind bekannt und warten auf Umsetzung.

Dazu gehören beispielsweise

  • ein aktiver und nachhaltiger Umweltschutz,
  • freie und umfassende Umweltinformationen,
  • die Beendigung des vorherrschenden Freiwilligkeits- und Kooperationsprinzips in der Landwirtschaft angesichts der bestehenden Umweltschäden,
  • die konsequente Fortschreibung von FFH- Managementplänen und eine rasche Umsetzung der Maßnahmen,
  • eine Förderabgabe auf die Braunkohle zur Finanzierung von Umweltschutzprojekten,
  • aber auch, Fördermittel an tatsächlichen und sinnvollen Umweltschutz knüpfen und Projekte zur Biodiversität, gegen das Artensterben und Stärkung des Ökolandbaus zu intensivieren,
  • Umweltbehörden mit breiter Fachkompetenz auf allen Ebenen, die auch wirtschaftlich unliebsame Maßnahmen umsetzen wollen, können und dürfen,
  • die Kreislaufwirtschaft nachhaltig zu gestalten,
  • und auch die Versiegelung von Flächen zu minimieren.

Das alles braucht abrechenbare Ziele und Indikatoren.

Für mich steht fest: Leider ist Sachsen nicht Vorreiter für eine nachhaltig moderne Umweltpolitik, kann es aber werden, für diese und für künftige Generationen! Glückauf!


[1] BIM 298/2019 und 253/2018 // MOTIVATION

[2] bspw. Fähigkeit von technischen Systemen, bei Störungen bzw. Teil-Ausfällen nicht vollständig zu versagen, sondern wesentliche Systemdienstleistungen aufrechtzuerhalten. https://de.wikipedia.org/wiki/Resilienz_(Ingenieurwissenschaften)

[3] §50 WHG: „Wasserbedarf der öffentlichen Wasserversorgung ist vorrangig aus ortsnahen Wasservorkommen zu decken“ .. mit Ausnahmeregelungen;
vgl. Kotulla (2011): WHG, Kommentar 2. Auflage, § 50 Rnrn. 7, 8

[4] Czychowski und Reinhardt (2014): Wasserhaushaltsgesetz unter Berücksichtigung der Landeswassergesetze, §50 Rnr. 28

[5] https://www.smul.sachsen.de/gis-online/Default.aspx

[6] http://edas.landtag.sachsen.de/viewer.aspx?dok_nr=13945&dok_art=Drs&leg_per=6&pos_dok=1&dok_id=undefined

[7] https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/32039/documents/48407

[8] https://www.l.de/gruppe/das-sind-wir/leipziger-gruppe/wassergut-canitz

[9] https://www.smul.sachsen.de/download/05_Bergfeld.pdf

[10] https://www.lkvsachsen.de/fileadmin/wireframe/redaktion/Unternehmen/19031500_LKV_Jahresbericht_2018_Web.pdf

[11] https://www.lkvsachsen.de/fileadmin/wireframe/redaktion/Unternehmen/170066_LKS_Jahresbericht2016_Internet_red.pdf